Juni 30, 2017 Jan Jung

Nachlese Strongmanrun Wacken

Nachlese Strongmanrun Wacken von Tobias Schäfer

Ende April suchte Zippel’s Läuferwelt Bewerber für ihr Team beim Fisherman’s Friend Strongmanrun in Wacken über 20km.
Normalerweise schrecken mich Gewinnspiele ab bei denen man mehr als seine Email-Adresse angeben muss, aber auf einen Strongmanrun hatte ich schon immer richtig Bock.

Und wer sollte denn besser geeignet sein als ich? Schon als Kind bin ich auf alles rauf, von allem runter und immer quer über die Wiesen und durch den Wald.
Auch im Training laufe ich lieber im Wald als auf Bahn oder Straße.

Die Nachricht über die Nominierung erreichte mich dann passender Weise am letzten April-Wochenende bei einer MTB Tour im Harz, wo ich meine Leidenschaft für Trailrunning,
schön dass es heute für alles einen Nischenbegriff gibt, entdecken konnte und nach den Ausfahrten nun mit umso mehr Schwung über die felsigen Wanderwege rannte…

Für die Saison Stand nun der erste Highlight-Wettkampf der Saison fest… Also Fokus auf Laufen und durchstarten.

Bis dann eine Woche später ein Triathlet aus Süddeutschland (ein Bekannter einer Bekannten eines Flensburger Ruderers) einen Startplatz für die Mitteldstanz
im dänischen Herning eine Woche vor dem Lauf in Wacken zu verschenken hatte. Die Mitteldistanz-Premiere war eigentlich mein geplantes Highlight für die Saison,
sollte ursprünglich aber erst im September… Ach einem geschenktem Gaul.. Also den nicht existenten Trainingsplan wieder zurück auf Triathlon gedreht.

Schließlich gehören zu einer Mitteldistanz 21km Lauf und dann sollten die 20km in Wacken auch kein P…
Wie lange läuft man dort eigentlich mit Hindernissen? Wie bei einem Marathon? Alle Leute sagen, man muss da an den Hindernissen anstehen, wird das überhaupt toll?
Ist das nicht eine reine HalliGalli-Spaß-Verantaltung? Mit der spontanen Mitteldistanz-Premiere vor der Nase hatte ich keine Gednken mehr für den Fun-Run in der Woche darauf.

 

Die fünf Wochen bis Herning vergingen zwischen Arbeit, Training, Himmelfahrtsurlaub und Magen-Darm-Grippe für die ganze Familie wie im Fluge.
In den ersten Einheiten nach(?) der Grippe hatte ich das Gefühl nie wieder Radfahren oder Laufen zu können. Dazu war nach mir die ganze Familie jeweils im Wochenabstand dran.
Nächtliches Spuckeimer-Ausleeren muss man dann als Training betrachten und schon bleibt die Laune erhalten.

Die Mitteldistanz in Herning wäre vom ganzen drumherum eine eigene Story Wert, lief am Ende zwar weniger gut als optimistisch geplant,
aber ohne nennenswerten Probleme mit einer vorzeigbaren Zeit. Schön, wenn man das Saisonhighlight schon Anfang Juni hinter sich hat 🙂

Außer ein paar Blasen an den Füßen habe ich die Mitteldistanz recht gut überstanden. Nach einem Ruhetag begab ich mich am Montag zu später Stunde
(erstmal Abendbrot und ein Bier) mit schweren Beinen in den Wald. Die ersten fünf Kilometer waren wie Blei…, danach lief es richtig gut,
sodass ich weitere 10km kreuz und quer alle Wege im Wald ablief. Wenn ich für Samstag noch trainieren wollte, dann jetzt!

Da ich wegen des Wettkampfes in Herning (Tapering-Woche) so wenig trainiert hatte, konnte ich mich irgendwie nicht dazu durchringen für Wacken schon wieder rauszunehmen,
und so hab ich die Woche einfach durchtrainiert. Ich erspare euch die Details.
Aber ich hatte am Dienstag vor dem Schwimmen einen sehr schönen Crescendo-Crosslauf von Tarp rund um Tydal, wo wir im Winter beim Grundlagentraining auf dem Mountainbike unterwegs waren.

Rechtzeitig zum Lauf erreichte mich noch mein Shirt (Damen M passte supergut) vom Zippel’s Team. Leider konnte ich dieses nicht beim Zippel’s-Lauftraining in Empfang nehmen, weil ich in Herning war.
So ein Lauftraining hätte bestimmt Potenziale in mir geweckt. Aber nun muss ich mein erstes angeleitetes Lauftraining mal bei TriAs machen.

Passend zum Damen-Shirt habe ich mir von Hilke noch eine gut sitzende Radlerhose (so nannte man das früher, hatte aber kein Sitzpolster) ausgeliehen, aber dazu mehr.

Auf die Sache mit den Hindernissen muss man sich gut vorbereiten, also sprang ich am Abend vorm Wettkampf in entsprechender Kleidung ein Mal vom Trampolin und zwei Mal vom Klettergerüst im Garten,
natürlich mit entsprechendem Aufschwung. Ich hoffe die Nachbarn haben mich nicht gesehen. Ohne Kind an der Hand sieht sowas immer blöd aus, aber die beiden hatten auf der Straße besseres zu tun.

Samstag morgen:
Bekannt war eine Vollsperrung auf der A7 und dass es entsprechende Park- und Startnummernschlangen in Wacken geben wird.
Freitag abend hatte ich noch keinen ausreichenden Termindruck um Sachen zu packen, das geht aber schnell. Schnell frühstücken ist oft nicht so unser Ding.
Wir kamen natürlich nicht zur geplanten Zeit los. Haben dann aber ganz entspannt den stockenden Verkehr in Schleswig und Wacken gemeistert.

Mein Warmlaufen (hhhm, soll man das? Wie viel? Noch mal schnell? Dehnen wäre cool, soll man aber nicht,…) war dann an der Autoschlange vorbei, ans Ende der Startnummernschlange,
nochmal zum Auto (Sonnencreme etc.), zum Team-Fototreff in der Arena, nochmal zum Auto (doch nicht so viel Sachen mitschleppen), schattiges hin- und herlaufen,…

Wann muss man sich eigentlich an den Start stellen? Machen die irgendwann dicht? Wie komm ich nach vorne? Verhauen die mich, wenn ich drängle?
Entschuldigung, ich glaub ich bin schnell… Trockener Hals, gibt mir irgendwer was zu trinken?

Ich ging ein bisschen planlos durch die Gegend neben der Startzone, als mich Jens aus dem Team ranrief. Er stand an einer offenen Absperrung.
Ich ging ein bisschen weiter nach vorne und lauschte der Countdownshow als mich ein Ordner anstupste und auf Hilke und die Kinder hinwies.
Es war schön sie noch mal zu sehen in der Menschenmasse und Wasser hatte sie auch dabei. Hatte ich erwähnt, dass dort endlos viele Menschen waren??

Weiter vorne sah ich Dieter Schwarzkopf, der in der norddeutschen Laufszene nicht nur vom Sylvesterlauf in Oeversee bekannt ist und zudem letztes Jahr die 10km in Wacken gewonnen hatte.
Da wo Dieter steht, steh ich schon mal nicht zu weit hinten. Ich hab mich noch kurz vorgestellt, weil beim Laufen würden wir uns ja eh nicht mehr sehen…

Nebenbei lief der Stimmungsrock mit Moderation der Countdown-Show, sodass man ein bisschen hüpfen konnte um in Wallung zu kommen.
Nach dem Countdown ging es mit Feuerwerk los. Erst trabend und nach der Start-Engstelle ging Dieter mit Tempo 200 auf der linken Spur an den Leuten des first-50-Startblocks vorbei.
Ich direkt hinterher mit Fullspeed die Sandrampe aus der Arena (ist das das ursprüngliche Festivalgelände?) raus.
Nach der Überquerung einer kleinen Teerstraße ging es direkt auf die weiten Wiesen von Wallhall, ähh Wacken.

Natürlich wäre es vermessen gewesen an Dieter dranbleiben zu wollen, also ließ ich ihn ziehen ohne dabei viel langsamer werden zu wollen.
Ich rechnete sowieso damit, dass mich die Top10-Leute gleich überrennen.

Passenderweise lief direkt neben mir ein Typ im weißen Unterhemd mit bunten Kniestrümpfen. Leute gibt das hier. Den lass ich schon mal nicht vorbei…

Und so liefen wir zu zweit Schulter an Schulter, mal kurz hintereinander, dann in zwei Treckerspuren über die Äcker von Wacken, während Dieter und der spätere 10km-Sieger vor uns
am Horizont immer kleiner wurden.

Mein Kontrahent wurde mir zusehends sympatisch, als ich merkte dass er mich mit Paces deutlich schneller als 4:00min/km über die Graswiesen zieht und hinter uns weit und breit niemand zu sehen war.
An den Hindernissen hatten wir schön viel Patz und versuchten uns nicht gegenseitig zu stören, tatsächlich waren wir fast die gesamte erste 10km-Runde im Paralleschwung unterwegs.
Das brachte Tempo und Action.

Wie sich nach dem Lauf herausstellte ist Thomas Tom Wittwer ein alter Hase im Hindernislauf und nimmt seit 9 Jahren an diversen Läufen pro Jahr teil.
Vielleicht kam er deswegen etwas flüssiger über die großen Hindernisse mit Kletternetzen und konnte so zum Ende der ersten Runde eine Lücke aufreißen (4s nach 10km),
die ich nicht mehr zulaufen konnte. Final entschied aber seine stärkere Laufleistung den Kampf zwischen uns beiden, sodass er seinen Vorsprung weiter ausbauen konnte.

Plötzlich war ich ganz allein auf dem weiten Acker. Vor mir hatte Tom schon guten Abstand, Dieter Schwarzkopf war schon lange nicht mehr zu sehen und hinter mir keine Menschenseele.
„Am Start waren doch tausende von Leuten. Wo sind die alle?“ Ein erholsamer Ausblick über die Prärie. „Jetzt bloß nicht zu langsam werden, sondern schön mit einer anständigen Pace nach Hause.“

Hinter dem Wasserbecken (und dem Matschbecken) zeugte eine durchmatschte Fläche davon, wie viele Nasse T-Shirts hier kurz zuvor getropft haben. Szenen wie aus Zombie-Filmen.
Wenige Kilometer später traf ich dann auf die ersten wandelnden T…eilnehmer.

Ich schlägelte mich unauffällig durch die immer dichter werdende Menschenmasse („werden wir jetzt schon überrundet, oder was ey?!“). Endlich war wieder was los auf der Strecke.
Manch Teilnehmer kämpfte stark mit sich selbst und dem Erreichen seines Tagesziels, andere hatten einfach nur Spaß und gingen es locker an.

Wenn es zu eng wurde, habe ich mich an höflichen Warnrufen versucht und ab und an kurz geschnackt, soweit das im Vorbeiflug mit 4er-Pace möglich war.
An den Hindernissen bildeten sich tatsächlich die befürchteten Schlangen, die viele als Chance zur Ruhe nutzten und einen Überholer auch gerne vorbeiließen.

Der Endspurt hat noch mal richtig Bock gebracht. Der Moderator versuchte mich zu finden, als ich gerade auf dem hohen Zielgeradenhindernis war, „nimm mal Deine Hände hoch!“
Und genau so lief ich dann nach 1:27:27 auf Rang 3 ins Ziel.

Zielschnack, Zielsnack, Bier, ein Eis für die Jungs. Siegerehrung.

Sehr froh war ich zu hören, dass Hilke und die Jungs auch ihren Spaß hatten. Das Gelände war ausreichend Zuschauerfreundlich gestaltet, sodass sie mich neben Start und Zieleinlauf auch auf der ersten Runde
beim Haupthindernis Netze-Rutsche-Reifen-Schaum anfeuern konnten, viel andere Action auf den Hindernissen sahen und mich auch an einer anderen Ecke der Strecke erwischt hatten.
Nach der Siegerehrung sind wir dann noch mal zusammen auf ein Paar Hindernissen gewesen, während die letzten Finisher noch ihren Zieleinlauf feierten und die Crew am anderen Ende des Areals schon mit dem Abbau begann.

p.s. Hilkes Radlerhose hat den Lauf mit einem größeren Riss an der rechten Pobacke beendet. Auf der großen Rutsche machte es in Runde 2 kurz „ratsch“…

http://strongmanrun-wacken.r.mikatiming.de/2017/

http://www.strongmanrun.de/runs/wacken/